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"Klar bin ich gegen die Todesstrafe. Nur bei Nazis, da wär ich dafür! Damit Schluß ist mit dem brauen Dreck!"
Statement eines nachdenklichen, antifaschistischen Punks...
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| Bunkerbrief Nr.21/4.4.2001 |
| Pickel, Pickel, nichts als Pickel... |
Ihr erinnert Euch? Bereits im ersten Artikel habe ich mich kritisch gefragt, ob die unzähligen gegen mich erhobenen Anschuldigungen gar darauf schließen lassen, daß ich möglicherweise NIE wirklich ein "Linker" war - jedenfalls nach heutigem Verständnis. Jede Menge "deutsche Tugenden" und dazu dann noch der mir eigene Hang zur Selbstdarstellung - sowas läßt eigentlich eher auf einen neurotischen Möchtegernadolf schließen, oder?
Um all diesen Verdächtigungen eine sichere Basis zu geben, möchte ich meine Überlegungen zu einem möglichen Überlaufen für zwei Artikel unterbrechen und Euch einladen zu einem weiteren Blick in meine Vergangenheit. Als 40jähriger hat man davon ja schon ein paar Kilo rumliegen.
Ich weiß, Ihr möchtet viel lieber lesen, ob, wann und wohin ich mit Christian Worch zum Vorbereitungsseminar des nächsten Holocaust fahre, oder wenigstens, wer denn schuld an der verdammten "braunen Flut" ist. Keine Anekdoten, keine ollen Kamellen aus längst vergangenen Jahrzehnten!
Aber ich verspreche Euch: Die Sache ist verdammt unterhaltsam und bietet manche Erkenntnis...
Es war einmal ....ein 15jähriger auf der Suche nach einer Freundin! Man schrieb das Jahr 1976, und weil er noch keine Haare am Sack hatte und auch sonst etwas zurückgeblieben aussah, wollte sich kein Mädchen von ihm küssen oder gar vögeln lassen. Also beschäftigte er sich lieber mit Politik und geriet schon bald an chinatreue Kommunisten. ("K-Gruppen" nannte man sowas damals...).
Dieser kleine Zwangsonanierer war natürlich ICH, und zur Lösung meiner Probleme verinnerlichte ich schnell den Wunsch zur Überwindung des Kapitalismus durch die proletarische Weltrevolution, klare Sache!
Damit war die erste Klappe gefallen, weitere konnten folgen: Das Kapital der Hauptfeind, Politiker und Bullen seine Helfershelfer, und dann waren da natürlich noch DIE NAZIS. Das waren die Typen, die Millionen Menschen auf dem Gewissen hatten und nun auf eine neue Gelegenheit lauerten, im Auftrag des Kapitals über ihre politischen Gegner wie überhaupt alles Un-Deutsche herzufallen.
Besagte Nazis waren zu der Zeit allerdings nur sehr schwer aufzutreiben. Das waren halt ein paar alte Säcke, die gerne die Parole "Beim Adolf hätt's das nicht gegeben!" über die zusammengebissenen Zähne keiften, und hier und da ein paar jüngere Typen, die irgendwie ziemlich verklemmt aussahen, dauernd hochwichtig mit der Aktentasche herumliefen und auch ganz gerne mal Pickel hatten.
Es war offensichtlich, daß die meisten "Nazis" einfach nur eine Bande Gestörter waren, völlig von der gesellschaftlichen Entwicklung isoliert, ohnmächtig und überhaupt nicht auf der Straße präsent.
NPD-Informationsstände hatte meist ein kurze Lebensdauer und wurden schnell vom politischen Gegner - also uns! - abgeräumt, denn schon damals gab es innerhalb der Linken einen nie diskutierten Konsens: Nicht reden, sondern stören oder gleich zuschlagen! Alles schon damals unter den beliebten Slogans "Nazis raus!" und "Keinen Fußbreit den Faschisten!"
Tja, Freunde, ich war also ein echter Antifaschist, wie er im Buche steht! Für die anderen Sachen, die ich und viele andere Linke damals vertreten haben, würde ich heute von der Antifa auf die Fresse kriegen und müßte mich als "Nazi" und "Mörder" bespucken lassen! Sicherheitshalber!
Trotz unserer aggressiven Abgrenzung zu politischen Kräften, die mit Parolen wie "Deutschland den Deutschen - Ausländer raus" und endlosem Gesülze um die "Unschuld Adolf Hitlers und Deutschlands am Krieg" auftraten, vertrat ich viele nämlich linksnationale Positionen. Und das war total selbstverständlich, gerade bei der damaligen "Neuen Linken", also Maoisten, "Spontis" und anderen Gruppen. Selbst die Anarchisten hatte eine nationale Ader...
=> Wie... was... aber das sind doch die Nazis, die immerzu von der Nation schwafeln! Spätestens seit Faschismus und Krieg hat die Linke doch mit der Nation NICHTS mehr am Hut, oder?
Falsch! Für den Slogan "Deutschland verrecke!" hätten Dir viele Linke in den Siebzigern einen Vogel gezeigt. Manche erhoben stattdessen die Forderung nach einem "vereinigten Deutschland" - unter sozialistischen Vorzeichen, versteht sich!
Auch mit dem Begriff der Nation war kein wirkliche Thema, solange er nicht rassistisch und reaktionär besetzt war. Also wurden gegen den "US-Imperialismus" gerichtete "nationale Befreiungskämpfe" überall in der Welt unterstützt, sei es mit Waffen, Geld und blumigen Worten. Und das Recht auf einen solchen Befreiungskampf nahm man selbstverständlich auch für Deutschland in Anspruch!
=> War ich also bereits 1976 Anhänger oder gar Angehöriger des "Nationalen Widerstandes", also ein Rechter mit linkem Deckmäntelchen?
Halleluhja, ich bin endgültig enttarnt! Wo es doch heutzutage Pflicht jedes radikalen Linken ist, sofort öffentlich die selbstverständlich reflexartig auftretenden Magenschmerzen auszuleben, sobald irgendwo die Stichworte "Nation" oder "Deutschland" fallen!
Die wirklich prägende antifaschistische Konditionierung, die ich als "Jungkommunist" erhielt, hinterließ aber auch bei mir ihre Spuren, und zwar über Jahre: Wenn es "gegen die Nazis" ging, wurden keine Fragen gestellt, und es war auch scheißegal, daß man die Antifa-Flugblätter, die das ganze begleiteten, entweder nicht verstand oder sie für ausgemachten Schwachsinn hielt. Die Nazis, das war unser "Feind von außen", der alle Unterschiede im eigenen Lager verschwinden ließ.
Dabei war das einige Jahre zuvor noch ganz anders: Typisch auch für viele Jung-Nazis, hatte ich schon als 11jähriger einen Narren an Hitler und seinen Getreuen gefressen, verschlang die Geschichte des III.Reiches Buch um Buch.
Mit Unmengen von Plastikpanzern und -soldaten stellte ich ganze Schlachten nach. Butterbrotpapier wurde grundsätzlich dazu mißbraucht, um darauf den Zweiten Weltkrieg kartographisch durchzuspielen - allerdings in MEINER Version! Nun war ICH der Führer, und selbstverständlich endete der Krieg mit der völligen Niederlage meiner Feinde und der Eroberung der Welt!
=> Ja, so wurde das Arschloch Karl Nagel geboren, der Zyniker, der geniale Stratege, der am grünen Tisch die Menschen mißbraucht und manipuliert! Ein Mensch der doch wie geschaffen für die politische Rechte wäre, oder?
Tja, mein Vater ein Alkoholiker - er starb an der radikalen Zersetzung seines Körpers durch den geliebten Bölkstoff, als ich 14 war - ich selbst eher schwächlich, ungeliebt, von Ängsten erfüllt und dennoch aggressiv - mit diesen "Eckdaten" war ich wirklich prädestiniert für eine rechte Karriere! EINMAL treten und nicht getreten werden, einmal STOLZ auf das zu sein, was ich war, AKZEPZIERT in einer Gemeinschaft. Ja, ich wäre ein prima Pubertätsnazi geworden!. Bin ich aber nicht!
=> Wie also bin ich dann also bei DER Vorgeschichte in linken Kreisen gelandet und nicht in rechten?
Alles Zufall. Wirklich! Ich kenne jemandem, dem es wohl als 13jährigen ähnlich ging und der dann dummerweise von seiner etwas naiven Mutter einen Stahlhelm und eine Uniform zum Geburtstag geschenkt bekam (Ich bekam eine Gitarre...). Da stolzierte er also in voller Montur durchs Viertel, und was geschah? Rein zufällig lief er dem Chef einer Wehrsportgruppe über den Weg, der den Jungen spontan unter seine Fittiche nahm und ihm erstmal deutschen Soldatentugenden beibrachte, nebst all dem ideologischen Schnickschnack, der bei solchen Leuten halt dazugehört. Fünf Jahre später war aus ihm der allseits bekannte und gefürchtete Hannoveraner Skinheadboß Mario Jacob geworden.
Mir wär's vielleicht ähnlich ergangen, hätte sich damals ein beherzter Nationaldemokrat meiner angenommen. Wäre. Hätte. Ist aber alles nicht passiert!
Daß ich mit 15 Kommunist und nicht rechtsradikal wurde, lag einfach nur daran, daß ich eher zufällig in eine eskalierende linke Demonstration hingeriet. Und wie gesagt, die Typen, die damals in Wuppertal (da komm' ich her!) die JUNGEN NATIONALDEMOKRATEN bildeten, waren echte Kasper...
Als exzessiver PERRY-RHODAN-Fan (eine Science-Fiction-Heftserie, in der zunächst die Menscheit als "junge, unverbrauchte Rasse" das Erbe der "degenerierten Arkoniden" antritt und anschließend mit der ungestümen Eroberung des Weltalls beginnt - der Titelheld wurde auch schon mal bissig von Kritikern als "Space Adolf" tituliert...) war ich übrigens schon damals glühender Anhänger typisch deutscher Tugenden wie Entschlußkraft, Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit und Perfektion. Anders läßt sich ja auch so ein Weltraumkrieg nicht gewinnen, oder?
=> Ist man mit derartigen Charaktereigenschaften nicht wirklich besser bei der politisch Rechten aufgehoben?
Wo doch Oskar Lafontaine gar einmal bemerkte, daß man mit derartigen "Sekundärtugenden" auch ein KZ leiten könnte! Wäre es vielleicht besser für mich gewesen, zunächst einmal das Kiffen zu lernen, locker meine Jugend zu genießen und mich um Himmels Willen auf möglichst gar nichts festzulegen? Radikale Sprüche klopfen reicht ja meist im Ernstfall, um einen guten Eindruck zu hinterlassen!
Wie auch immer: Erwähnte Eigenschaften waren mir einfach sympathischer als die ewige Langhaar-Man-müßte-mal-was-tun-ej-Fraktion, und weil auf Zuverlässigkeit und Organisation bei den K-Gruppen immer großen Wert gelegt wurde, wurde ich halt Mitglied der ROTEN GARDE, der Jugendorganistion der Kommunistischen Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten. Dort lernte ein solides organisatorisches und propagandistisches Handwerk, das ich in späteren Jahren immer wieder gut verwenden konnte.
Irgendwann ging mir die ganze Bande aus Stalinisten, Pseudo-Proletariern, Mao- und China-Fans aber doch gehörig auf den Zeiger, und weil mit Schule auch erst einmal Schluß war, bekam mich endlich der mir vorher nur aus der Theorie bekannte Kapitalismus in seine gierigen Finger: Ich begann eine Lehre als Industriekaufmann und kam aus dem Kotzen gar nicht mehr heraus! Die wichtige Erkenntnis: ARBEIT IST SCHEISSE!
Und weil auch die politische Arbeit überhaupt keine konkrete Perspektive bot - die "Revolution" schien unendlich fern, träumte ich von einer selbständigen Existenz im SF- und Comic-Business.
1979 startete ich mein erstes eigenes Projekt: der Aufbau einer "nationalen SF und Comic-Zeichner-Szene". So hieß das damals. Schon in jenen Jahren dominierten nämlich ausländische Illustratoren den Markt dermaßen stark, daß deutsche Zeichner keine Chance hatten. Und das wollte ich ändern, und zwar durch die Herausgabe von FANTASTRIPS, dem "Magazin für phantastische Illustration".
Mit einem Bein also schon mitten drin in der "nationalen Frage", hörte dennoch die bunte Mischung aus Kommunisten, Nazis und Bullenschweinen einfach auf zu existieren in meinem Leben. PLOPP - weg waren sie!
=> Wie aber konnte es passieren, daß sich schon kurze Zeit später die Situation radikal änderte? Woher kamen die "Nazi-Schläger", die ab 1980 mehr und mehr die Straßen beherrschten?
IN DER NÄCHSTEN FOLGE:
Wie sich Punks und Linke ihre eigenen "Nazis" aus der Retorte schufen! |
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| zum Seitenanfang |
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- Achterbahn!
- Menschen, Tiere, Sensationen! (=> Vorwort/2001)
- Kann es sein? Ich ein Nazi-Schwein?
- Wie tief steckt Karl Nagel im "braunen Sumpf"? (Bunkerbrief Nr.18/28.3.2001)
- Die Angst des Überläufers vorm Elfmeter!
- Über die hohe Kunst des richtigen Überlaufens: Weshalb, Wann, Wohin! (Bunkerbrief Nr.19/1.4.2001)
- Es lebe die Braune Gefahr!
- Auf der Suche nach den Nazi-Bestien... (Bunkerbrief Nr.20/3.4.2001)
- Pickel, Pickel, nichts als Pickel...
- Ein Blick auf Karl Nagels linksnationale Vergangenheit... (Bunkerbrief Nr.21/4.4.2001)
- Nazis wie Du und ich...
- Wie sich Punks und Linke ihre eigenen "Nazis" aus der Retorte schufen! (Bunkerbrief Nr.22/9.4.2001)
- Von Links Leichengeruch - von Rechts die Verlockung des "Nationalen Widerstandes"!
- Weshalb die Linke eine vergammelnde Leiche ist... (Bunkerbrief Nr.23/16.4.2001)
- Nazis überall! Himmel hilf! Zu den Waffen!
- Die erstaunliche Vielfalt des "Nationalen Widerstandes" (Bunkerbrief Nr.24/18.4.2001)
- Zur Stelle, mein Führer!
- Zum Führergeburtstag die ENTSCHEIDUNG! (Bunkerbrief Nr.25/20.4.2001)
- Hit Me With Your Rhythm Stick!
- Wie die Anti-Deutschen und andere Rassisten Adolf Hitlers Vermächtnis erfüllen... (Bunkerbrief Nr.26/30.4.2001)
- Nie wieder antiFaschismus!
- Raus aus der Polit-Scheiße - hinein ins wahre Leben! (Bunkerbrief Nr.27/30.4.2001)
- Mensch oder Monster!
- Wieso ich auf die ganzen Neurotiker und Schlafmützen verzichten kann! (Bunkerbrief Nr.28/6.5.2001)
- An Bord einer gigantischen Fressmaschine!
- Millionenfacher Blindflug ohne Halt und Verstand (Bunkerbrief Nr.29/13.5.2001)
- Heimatlos.
- Gestrandet in der schönen, neuen Welt! (Bunkerbrief Nr.30/24.65.2001)
- Backe, Backe, Nazi!
- Mit Rudolf Oberlercher und Rudolf Hess auf Du und Du... (Bunkerbrief Nr.31/21.8.2001)
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